Wenn Google & Co. zu 3D Visualisierungen greifen

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Derzeit werden Visualisierungen von neuen Firmenzentralen als zunehmender Trend erkennbar. Vermittelt wird jedoch nicht das klassische Bild vereinnahmender Arbeitswelt, sondern Eindrücke von Wohnlichkeit und Komfort. Diese Renderings zeigen Firmenzentralen als städtebauliche Großprojekte und scheinen den Mikrokosmos ‘Unternehmen’ zum zukunftsweisenden Prototypen einer hybriden Architektur aus Wohn-, Verwaltungs-, Arbeits- und Freizeitwelt zu erheben. Wir durften bereits eine Reihe von Bildern sehen, die zukünftige Campusse von Tech-Unternehmen wie Google, Amazon, LinkedIn, Facebook und Apple zeigen. Allen gemein ist ein einheitlicher roter Faden in Bezug auf Architektur und Rendering-Stil. Ikonenhafte Darstellungen werden mit pastoralen Landschaften kombiniert – das alles hat nur noch wenig mit den guten alten Zellenalbträumen der Neunziger zu tun. Obwohl eine Wiederholung von Baukörpern in den Entwürfen unumgänglich zu sein scheint, um hunderte oder sogar tausende Mitarbeiter aufnehmen zu können, konzentrieren sich die meisten Renderings auf Ausschnitte: Auf informelle Aktivitäten, Grün, Geh- und Radwege – im Grunde auf all jene Räume, die dazu gedacht sind, einen optimalen Tagesablauf und die Zufriedenheit ihrer Nutzer sicher zu stellen. Transluzente Hüllen, informelle Treffpunkte, Kindergärten, Schwimmbäder und Sporteinrichtungen werden wesentlich für die Gestaltung von Firmenarchitektur. Betrachtet man einige große Unternehmen und ihre jeweiligen Stammsitze, wird deutlich, dass die Entwürfe und die Bildsprache der Renderings vor allem die Unternehmenskultur widerspiegeln wollen.

Google HQ Mountain

Der kürzlich veröffentlichte Vorschlag für den neuen Hauptsitz von Google in Mountain View, Kalifornien, ist ein Komplex aus gigantischen, gläsernen Kuppeln, die eine Reihe eindrücklicher Räume überdachen. Unterhalb dieser leichten Kuppeln sind Teile eines dorfähnlichen Komplexes zu erkennen, durchzogen von einer grünen Schleife mit eingegliederten Rad- und Wanderwegen. Ebenerdig geht das Gebäude in die umgebende Landschaft aus Wasserwegen und Baumbestand über. Das Rendering versucht hier die vielzähligen Aktivitäten zu unterstreichen, die Google seinen Angestellten in Zukunft bieten möchte. Die Bewohner von Mountain View können Spaziergänge entlang grüner Korridore unternehmen, in Cafés essen und in großzügigen Parkanlagen arbeiten. Somit zeigen die meisten Bilder Familien, die die Natur genießen und verschiedene Netzwerke aus öffentlichen und privaten Räumen, wie Plätzen, Parks und Wanderwegen, nutzen. Abgesehen von dem Interesse an der Eingliederung in die allgemeine Öffentlichkeit, zeigen diese Bilder insbesondere Googles Engagement gegenüber seinen Angestellten und die Förderung eines gesunden, familienorientierten Lebensstils. Ob all dies tatsächlich die Realität im Unternehmen widerspiegelt, bleibt eine andere Frage.

Apple Cupertino New Headquarter



Apple verfolgt hingegen einen etwas radikaleren Ansatz in der architektonischen Gestaltung und Bildsprache. Der neue Hauptsitz der Firma wird “Das Raumschiff” genannt. Geplant von Foster + Partner, ist er als einzelne Schleife konzipiert, die eine größere Grünfläche umschließt und sich deutlich stärker von der Umgebung abhebt, als das vorherige Beispiel. Situiert auf einem 176 Hektar großen Gelände in Cupertino, Kalifornien, entworfen, um 13.000 Mitarbeiter in einem einzigen Gebäude aufnehmen zu können, wirkt der Baukörper hermetisch und kommuniziert damit bis zu einem gewissen Grad die Unternehmenskultur von Apple. Die schlanke Gebäudeform vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Geheimhaltung, jedoch wollen die Renderings sicherstellen, dass wir den zukünftigen Campus als Ansammlung lichtdurchfluteter Räume für informelle Aktivitäten erleben. Darstellungen der Fassade, die aus teuren, gebogenen Glaspaneelen gebaut werden soll, zeigen auch die Gehwege, die prozessionsartig zum Gebäude führen. Dadurch entsteht der Eindruck eines Gebäudes, das sich nicht in die Umgebung und das bestehende städtische Leben einfügt, sondern vielmehr als Touristen-Attraktion, gleich einem Tempel, erlebt werden soll.

Linkedin Headquarter

Die Kontroverse um den Campus in Mountain View konnte kürzlich in allen Nachrichten verfolgt werden und das Nachspiel erlaubt Linkedin sein eigenes Hauptquartier zu bauen, während Google mit weniger als einem Viertel der Fläche zurück gelassen wird, die ursprünglich bebaut werden sollte. Der weitaus bescheidenere Campus von Linkedin präsentiert sich als Hybrid aus fünf Gebäuden, mit öffentlichen Grünflächen, einem Kino, Basketballplatz, 50.000 Quadratmetern Einzelhandelsfläche und anderen Freizeiteinrichtungen. Die Nutzung von Erdwärme und begrünten Dachflächen soll einen nachhaltigen Betrieb des Gebäudes gewährleisten. Der Rendering-Stil verbleibt eher schematisch, skizzenhaft und, verglichen mit anderen Beispielen, am wenigsten fotorealistisch. Die Visualisierungen versuchen ein warmes und bequemes städtisches Umfeld darzustellen, tun dies jedoch in altmodischer Weise. Vielleicht soll damit der auf Daten basierenden Geschäftsstrategie von Linkedin Rechnung getragen werden. Dies scheint zumindest bei den Renderings durch, die illustrativ sind, jedoch kein großes optisches Erlebnis oder Fotorealismus anstreben.

Amazon HQ Seattle

Die neue Zentrale von Amazon in Seattle nimmt die Form eines riesigen Gewächshauses aus drei miteinander verbundenen Glaskugeln an. Bis zu 1.800 Mitarbeiten sollen in diesen ungewöhnlich gestalteten Räumen untergebracht werden. Ähnlich einem Gewächshaus, soll auch innerhalb des Gebäudes ein Mikroklima erzeugt werden, mit ausgewachsenen Bäumen und Vegetation, die das Innere dominieren. Wiederholt beschreibt das Unternehmen den Entwurf als Versuch, eine Nachbarschaft zu erschaffen, die ihre “gemeinschaftsbetonte Unternehmenskultur” widerspiegle. Der Baukörper wird von öffentlich zugänglichen Einzelhandelsflächen und einem Park umgeben. Der Entwurf mag mit seinen Bezügen zu dem im 20. Jahrhundert vorherrschenden Interesse an “apokalyptischen” Entwürfen und Umweltflucht anachronistisch erscheinen, aber die Bildsprache verweist gewiss auf einen anderen Ansatz im Design der Büroflächen. Der Rendering-Stil ist fotorealistisch und ikonisch, und trotz des vielen Grüns und warmen Lichts, erscheint das Gesamtpaket von der Stadt losgelöst und leicht bedrohlich.

Facebook Headquarter

Facebook veröffentlichte nur sehr wenige Darstellungen seiner neuen Firmenzentrale mit den begrünten Dachflächen in Menlo Park, nahe San Francisco. Der von Frank Ghery stammende Entwurf präsentiert sich als weitläufige Ansammlung verschiedener Räume, der an die vielschichtige Arbeit des Unternehmens – gerade in Bezug auf Nutzer und Kommunikation – erinnert. Jederzeit umstrukturierbare Computer-Inseln, Sessel und Galerien, als auch Großraum(Büros?) wurden auf 40.000 Quadratmetern, bestehend aus sich überschneidenden Flächen, verteilt. Dies verdeutlicht die Unternehmensphilosophie, mehr als Plattform zu fungieren, als Moderator von Kommunikation und als Organisation, die mit der Art, wie sich Mainstream-Kultur entwickelt, Schritt hält. Was wir gesehen haben, bevor der erste Spatenstich erfolgte, waren einfache Fotografien physischer Modelle, bestehend aus miteinander verbundenen Volumen, die eher zu sagen schienen: “Wir sind keine Star-Architektur. Wir sind Philosophie”.